"San Salvador" von Peter Bichsel beginnt, wie beispielhaft für eine Kurzgeschichte, mitten in der Handlung. Sie ist in einer einfachen, sachlichen Sprache verfasst, ohne jedoch banal zu wirken.
Zu Beginn der Handlung entsteht der Eindruck, Paul sei dabei, einen sorgfältig geplanten und gut vorbereiteten Beschluss in die Tat umzusetzen. Mit den Sätzen "Mir ist es hier zu kalt" und "ich gehe nach Südamerika" bringt Paul zum Ausdruck, daß er mit seiner derzeitigen Lebenssituation unzufrieden ist. Setzt man den Titel "San Salvador", ein Staat in Mittelamerika, und den Satz: "Ich gehe nach Südamerika" in Beziehung, wird jedoch schnell angesichts der geographischen Differenz klar, daß es sich um einen diffusen Beschluss handeln muss, der wohl eher von seiner Sehnsucht nach Veränderung genährt wird als von dem tatsächlichen Plan auszuwandern. Pauls mangelnde Antriebskraft zeigt sich auch in seiner bewussten Verzögerungshaltung. So liest er die Kinoinserate, beschäftigt sich dann mit allerhand Nebensächlichkeiten wie dem Entleeren und Wiederbefüllen seines Füllfederhalters, um dann festzustellen, daß es nun für die Kinovorstellung zu spät ist.
Spätestens mit dem Satz "Er wartete auf Hildegard" wird klar, daß er seine Situation nicht ändern wird, was ihn jedoch nicht von dem Gedankenspiel: "was wäre, wenn" abhält. An den Handlungen, die ihm in den Sinn kommen, läßt sich gut ablesen, welch ein eintöniges, vom Alltag vorherbestimmtes Leben Paul führt, dessen Abende sich wohl zu einem nicht unerheblichen Teil im "Löwen" abspielen. Der Ruhetag des Löwen scheint wohl auch der Grund für sein heutiges Daheimbleiben zu sein.
Der Text in den Zeilen 35-39 zeigt, wie eingefahren, ja routiniert die Beziehung zwischen Paul und seiner Frau ist. Er kennt sie bis in die kleinste Bewegung, was mit dem Schlusssatz: "Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht" trefflich bestätigt wird. Davor wird jedoch noch einmal deutlich, wie einsam Paul eigentlich ist. So weiß er nicht einmal, wem er eigentlich einen Brief schreiben könnte.
Die Kurzgeschichte endet wie sie angefangen hat, abrupt. Doch werden wir von ihr nicht entlassen, sie gibt uns vielmehr Fragen mit, für die sie keine Lösung parat hat: Hat Paul resigniert? Haben ihn die Kinder zurückgehalten?
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